Was nach einem «tragischen Versehen» klingt, ist in Wahrheit ein Lehrstück darüber, wie schnell die Hobby-Jagd in öffentlichen Räumen eskaliert, wie gross die Schutzlücke für Spaziergänger ist und wie oft am Ende ein reflexartiger Standardsatz stehen soll: «Verwechselt».
Laut oe24 ereignete sich der Vorfall am 27. Dezember in Pettenbach. Der Besitzer (30) sei mit Cooper unterwegs gewesen, als ein betagter Hobby-Jäger vom Hochstand aus schoss. Der Hund trug demnach ein gelb-grünes Geschirr und sei im Bereich der Rippen getroffen worden. Der Besitzer habe erklärt, er sei nur wenige Meter entfernt gewesen.
Im Zentrum steht zudem die Begründung: Vor Ort sei laut Besitzer von einer Verwechslung mit einem Fuchs die Rede gewesen. Später habe es geheissen, der Hund sei auf einer Rehfährte gewesen. Der Besitzer erstattete Anzeige wegen Tierquälerei und Sachbeschädigung und kündigte Schadenersatzforderungen an.
Die Kronen Zeitung berichtet zusätzlich, es handle sich um einen 84-jährigen Jagdpächter. Auch dort wird die erste Rechtfertigung «mit einem Fuchs verwechselt» erwähnt.
Wichtig: Es gilt die Unschuldsvermutung. Entscheidend sind die laufenden Abklärungen, der tatsächliche Ablauf und die rechtliche Würdigung.
«Verwechslung» ist keine Entschuldigung, sondern ein Alarmzeichen
Wer in einem Gebiet schiesst, in dem Menschen mit Hunden unterwegs sind, trägt maximale Verantwortung. Ein Schuss ist kein «Fehler», den man wie einen falschen Handgriff im Alltag korrigieren kann. Er ist endgültig. Und er kann, wenn Menschen in der Nähe sind, auch Menschen treffen.
Gerade deshalb ist die Verwechslungserzählung so brisant. Sie sagt nicht nur etwas über den konkreten Fall. Sie wirft ein Schlaglicht auf ein System, in dem bewaffnete Privatpersonen in Naherholungsräumen agieren und in dem die Sicherheitslogik oft erst nach dem Schuss beginnt.
Wenn ein reflektierendes Hundegeschirr, klare Sicht und die Nähe zu einem öffentlichen Weg nicht genügen, um das Schiessen zu unterlassen, dann ist nicht «Pech» das Problem. Dann ist es die Praxis.
Der zweite Schock: «Dann besorge ich Ihnen einfach einen neuen»
Laut oe24 soll der Hobby-Jäger dem Besitzer angeboten haben, «ein neues Tier» zu besorgen. Ob das im Wortlaut so gesagt wurde, werden Ermittlungen klären. Als Haltung passt es jedoch erschreckend gut zu einem Jagdverständnis, das Leben auf einen austauschbaren Gegenstand reduziert. Für Halter ist ein Hund Familienmitglied, Bindungspartner, Sozialwesen. Ein «Ersatz» ist keine Wiedergutmachung.
Warum solche Fälle politisch sind
Dieser Vorfall ist keine private Tragödie am Waldrand. Er ist ein politischer Vorfall, weil er öffentliche Räume betrifft.
- Sicherheitsrisiko für die Allgemeinheit
Wenn in der Nähe von Wegen geschossen wird, sind nicht nur Tiere betroffen. Auch Menschen können gefährdet sein, besonders wenn die Distanz kurz ist und Sichtachsen eingeschränkt sind. - Schwache Abschreckung, schwache Kontrolle
Immer wieder zeigen Fälle, wie schwierig Aufklärung und Sanktionierung sind, wenn Jagdhandlungen im Gelände stattfinden, ohne neutrale Zeugen, ohne lückenlose Dokumentation. - Haustiere sind rechtlich oft nur „Sache“
Auch wenn sich das gesellschaftliche Verständnis längst verändert hat, hängt vieles weiterhin an Eigentumslogiken. Genau deshalb ist der Ruf nach konsequenteren Standards und klareren Regeln legitim.
Was jetzt nötig ist
Unabhängig vom Ausgang des konkreten Verfahrens braucht es Konsequenzen, die über Empörung hinausgehen:
- Klare No-Shoot-Zonen entlang stark frequentierter Wege in Naherholungsgebieten, verbindlich markiert und kontrolliert.
- Verpflichtende Sicherheitsregeln mit Null-Toleranz, wenn Menschen in unmittelbarer Nähe sind.
- Transparente Meldesysteme für Schussabgaben und Vorfälle, inkl. unabhängiger Prüfung.
- Haftungsregeln, die wirklich abschrecken, statt Tierleben als «Kollateralschaden» zu behandeln.
- Debatte über die Jagd in dicht genutzten Räumen, denn «Wald» ist längst kein exklusiver Jagdraum mehr, sondern öffentlicher Lebens- und Erholungsraum.
Einordnen heisst: den Fokus richtig setzen
Ja, Hunde können Wildtiere hetzen. Ja, es gibt Konflikte zwischen Haltern und jagdlichen Interessen. Aber selbst wenn ein Hund frei läuft, folgt daraus nicht automatisch ein Recht zum Schuss. Der Kern bleibt: Wer eine tödliche Waffe führt, muss Situationen deeskalieren können. Und er muss im Zweifel nicht schiessen.
Wenn die Hobby-Jagd das nicht garantieren kann, verliert sie ihre gesellschaftliche Legitimation. Nicht, weil «alle Jäger» gleich sind, sondern weil ein System, das solche Risiken regelmässig produziert, nicht mit PR-Sätzen repariert werden kann.
Nach Auffassung der IG Wild beim Wild braucht es für Hobby-Jäger jährliche medizinisch-psychologische Eignungsgutachten nach dem Vorbild der Niederlande sowie eine verbindliche Altersobergrenze. Die grösste Altersgruppe unter den Hobby-Jägern ist heute 65+. In dieser Gruppe nehmen altersbedingte Einschränkungen wie nachlassende Sehfähigkeit, verlangsamte Reaktionszeiten, Konzentrationsschwächen und kognitive Defizite statistisch deutlich zu. Gleichzeitig zeigen Unfallanalysen, dass die Zahl schwerer Jagdunfälle mit Verletzten und Todesopfern ab dem mittleren Lebensalter signifikant ansteigt.
Die regelmässigen Meldungen über Jagdunfälle, tödliche Fehlhandlungen und den Missbrauch von Jagdwaffen verdeutlichen ein strukturelles Problem. Der private Besitz und Einsatz tödlicher Schusswaffen zu Freizeitzwecken entzieht sich weitgehend einer kontinuierlichen Kontrolle. Aus Sicht der IG Wild beim Wild ist dies nicht länger verantwortbar. Eine Praxis, die auf freiwilligem Töten basiert und zugleich erhebliche Risiken für Menschen und Tiere erzeugt, verliert ihre gesellschaftliche Legitimation.
Hobby-Jagd beruht zudem auf Speziesismus. Speziesismus beschreibt die systematische Abwertung nichtmenschlicher Tiere allein aufgrund ihrer Artzugehörigkeit. Er ist mit Rassismus oder Sexismus vergleichbar und weder kulturell noch ethisch zu rechtfertigen. Tradition ersetzt keine moralische Prüfung.
Gerade im Bereich der Hobby-Jagd ist kritische Prüfung unerlässlich. Kaum ein anderes Feld ist derart von beschönigenden Erzählungen, Halbwahrheiten und gezielter Desinformation geprägt. Wo Gewalt normalisiert wird, dienen Narrative oft der Rechtfertigung. Transparenz, überprüfbare Fakten und eine offene gesellschaftliche Debatte sind deshalb unverzichtbar.






