Die Organisation spricht von einem «sommerso», einem Untertauchen der Realität.
Was nicht erfasst wird, existiert statistisch nicht. Und was statistisch nicht existiert, erzeugt weder politischen Druck noch strukturelle Konsequenzen. Die Plattform stützt sich auf Medienberichte, Polizeimeldungen und Gerichtsunterlagen, wo verfügbar.
Ein «Kriegsbulletin» statt verlässlicher Statistik
Weil belastbare offizielle Zahlen fehlen, wählt die Organisation einen anderen Ansatz. Sie dokumentiert Einzelfälle chronologisch und quellenbasiert. Für den Zeitraum vom 1. September bis 31. Dezember 2025 wurde eine erste Fallsammlung veröffentlicht, angekündigt auf ein umfassendes Dossier für 2025 und 2026.
Journalistisch ist dieser Ansatz aufschlussreich. Er zeigt, wie systematisch das Problem kleingeredet wird. Jeder Vorfall wird als isolierter Einzelfall behandelt. In der Summe entsteht jedoch ein Muster. Genau dieses Muster verschwindet, wenn niemand es zusammenführt.
Was in den dokumentierten Fällen sichtbar wird
Schon die vorläufige Chronologie zeigt, dass es sich nicht um zufällige Ausnahmen handelt. Sichtbar werden wiederkehrende Konstellationen und Risiken:
- Eine Hauskatze wird durch einen Schuss schwer verletzt und bleibt dauerhaft an den Hinterläufen gelähmt.
- In Nachbarschaftskonflikten kommt es zu bewaffneten Drohungen gegen Menschen und Hunde, teilweise mit anschliessendem Waffenentzug.
- Zu Beginn der Jagdsaison werden Giftköder ausgelegt, die gezielt Hunde und Katzen gefährden.
- In unmittelbarer Nähe eines Tierheims wird geschossen, was Tiere und Personal in Panik versetzt.
- Ein Pferd wird auf einer Weide durch ein Jagdprojektil getötet. Das Tier ist klar identifizierbar und steht nicht im Wald.
- In einem weiteren Fall wird ein Jäger nach dem Erschiessen eines Katers lediglich zu einer Geldstrafe verurteilt, ein Signal, das das getötete Tier faktisch entwertet.
Die Organisation kündigt an, das vollständige Dossier Anfang 2026 zu veröffentlichen. Geplant sind zusätzliche Kapitel zu Straftaten, Missbrauch, Minderjährigen, politischer Verantwortung und rechtlichen Rahmenbedingungen.
Warum das auch die Schweiz betrifft
Auch in der Schweiz wird Jagd meist als technisches Wildtiermanagement dargestellt. Diskutiert werden Abschusszahlen, Bestände und ökonomische Schäden. Was dabei oft ausgeblendet wird: Jagd ist eine bewaffnete Freizeitpraxis im öffentlichen Raum.
Wo Waffen regelmässig eingesetzt werden, entstehen Risiken. Diese Risiken betreffen nicht nur Wildtiere, sondern auch Haustiere, Spaziergänger, Kinder und landwirtschaftliche Nutztiere. Haustiere nehmen dabei eine besondere Rolle ein. Sie verbinden die abstrakte Jagddebatte mit der Lebensrealität vieler Menschen.
Wenn ein Hund beim Spaziergang getroffen wird, wenn eine Katze nicht mehr nach Hause kommt oder wenn Giftköder entlang von Wegen liegen, verliert das Argument der Seltenheit seine Glaubwürdigkeit. Genau deshalb bleibt die Dunkelziffer politisch so bequem.
Der blinde Fleck: Melden, erfassen, Verantwortung übernehmen
Der Ansatz aus Italien ist im Kern ein Appell an Transparenz. Ohne systematische Erfassung bleibt jede Sicherheitsdebatte einseitig. Jagdorganisationen können sich auf fehlende Zahlen berufen. Betroffene bleiben mit Trauer, Kosten und Angst allein. Medien berichten nur über spektakuläre Ausnahmen.
Eine verantwortungsvolle Politik müsste mindestens drei Punkte umsetzen:
- Einheitliche und niederschwellige Meldewege für Vorfälle mit Jagdwaffen im Umfeld von Siedlungen, Wegen, Weiden und Tierheimen.
- Öffentliche Jahresberichte zu Jagdzwischenfällen, getrennt nach Personenschäden, Haustieren, Wildtieren, Sachschäden und Bedrohungen.
- Unabhängige Auswertung statt Selbstkontrolle durch jagdnahe Stellen.
Solange das fehlt, bleibt Sicherheit ein Schlagwort ohne Substanz.





