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Bund testet Wildtiere auf Corona

Virologen befürchten, dass das Virus in Wildtieren mutieren könnte.

Seit kurzem werden nun Füchse, Marder und andere frei lebende Tiere getestet – finanziert vom Bund.

Ist Omikron in einem Tier mutiert? Vorstellbar ist es, wie die Genfer Virologin Isabella Eckerle sagt. «Es gibt die Theorie, dass das Virus in eine Tierart übertragen wurde, dort mutiert ist und dann zurück in den Menschen gekommen ist.» Die Fachwelt nennt das «reverse Zoonose». Virologinnen wie Eckerle warnen seit langem vor dieser Gefahr.

Umso «interessanter und relevanter» findet Eckerle, was nun aus der Forschungsdatenbank des Bundes bekannt wird: Seit kurzem werden Füchse, Luchse und andere Schweizer Wildtiere auf das Coronavirus getestet. Zur Anwendung kommt ein PCR-Test, finanziert wird die Beprobung vom Bund. Eine Sprecherin vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen sagt: «Die Rolle der Wildtiere muss geklärt werden

Bisher sind erst 45 Proben untersucht worden. «Alle waren negativ», sagt Regina Hofmann-Lehmann von der Vetsuisse-Fakultät in Zürich. Sie führt die Untersuchungen durch, in Zusammenarbeit mit dem Institut für Fisch- und Wildtiergesundheit in Bern. Bis 2023 wollen die Forscherinnen Proben von 1300 Wildtieren auf Antikörper oder virale RNA prüfen.

Die Tierwelt als Reservoir

Seit Beginn der Pandemie sind immer wieder Ansteckungen von Tieren mit dem Coronavirus bekannt geworden. Das beunruhigt Virologen und Biologen nicht nur aufgrund von möglichen Mutationen. Befürchtet wird auch, dass die Tierwelt ein Reservoir für das Virus werden könnte, wenn die Übertragung unter Menschen dereinst abflacht.

Die Schweizer Wildtier-Beprobung zielt nun auf Arten, von denen bereits bekannt ist, dass sie hochempfänglich sind für das Virus. Dazu gehören neben Luchsen auch Wildkatzen, Marder, Wiesel oder Dachse. Sogar an Proben von Wölfen sind die Labors interessiert. Ihr Fokus liegt auf Tieren, die nahe der Zivilisation leben, schreibt die NZZ.

Für eine Übertragung sind diverse Wege denkbar: «Bei Stadtfüchsen und Mardern können wir davon ausgehen, dass sie mit menschlichen Abfällen in direkten Kontakt kommen», erklärt Veterinärmedizinerin Hofmann-Lehmann. Für Wildkatzen ist eine Infektion durch Hauskatzen vorstellbar, da Paarungen häufig sind. «Zudem haben wir Bedenken, dass Wildtiere mit weggeworfenen Masken von Menschen in Berührung kommen könnten.»

Beprobt werden tote Tiere, mit Ausnahme weniger Wildfänge. Die Veterinärmedizinerinnen haben die kantonalen Jagdverwaltungen um Hilfe gebeten. Die Verantwortlichen wurden gebeten, Proben von auf der Jagd erlegten Tieren einzuschicken. Das nationale Programm zur Überwachung der Wildtiergesundheit ruft Jäger und Wildhüter zudem schon heute dazu auf, auffällige Funde toter Tiere zu melden. Diese Proben werden vom Berner Institut für Fisch- und Wildtiergesundheit auf Corona untersucht.

Schlägt eine Probe positiv an, müssten die Viren sequenziert und das Ausmass der Infektion untersucht werden, wie die Veterinärmedizinerin Hofmann-Lehmann erklärt. Langfristig wäre ein Überwachungsprogramm für die wilde Tierwelt vorstellbar. Hofmann-Lehmann betont: «Die Pandemie ist kein auf den Menschen isoliertes Geschehen

Schon heute ist aus Schweizer Tierlabors dokumentiert, dass sich vereinzelt Hauskatzen und Hunde mit dem Coronavirus angesteckt haben. Die infizierten Tiere lebten alle in Haushalten mit positiv getesteten Menschen zusammen. Weltweit sind knapp 600 positive Fälle bei Tieren gemeldet worden, wie aus dem aktuellen Lagebericht der Weltorganisation für Tiergesundheit hervorgeht. Am Freitag meldete der Zoo Antwerpen in Belgien zwei infizierte Nilpferde. In anderen Zoos waren schon früher Gorillas oder Tiger angesteckt worden.

Aus dem Nordosten der Vereinigten Staaten ist zudem bekannt, dass ein Drittel der dort getesteten Weisswedelhirsche Corona-Antikörper aufweisen. Diese Hirsche müssen eine Infektion durchgemacht haben, wie Forscher im Sommer in einem renommierten Fachmagazin berichteten. Für Veterinärmedizinerin Hofmann-Lehmann kam dieser Befund «sehr überraschend». Ihr Team will nun ebenfalls vereinzelt Hirsche und Rehe beproben. «Für eine Studie wie in den Vereinigten Staaten wäre allerdings eine Projekterweiterung samt Finanzierung notwendig.»

Die Nutztier-Frage stellt sich neu

Seit Beginn der Pandemie untersucht das Veterinärmedizinische Labor in Zürich auch die Frage, ob Nutztiere sich mit dem Coronavirus infizieren. In Dänemark hatte die Regierung vor einem Jahr 17 Millionen Zuchtnerze keulen lassen. Dies, nachdem bekannt geworden war, dass das Virus in den Tieren mutiert und in einer Variante auf den Menschen zurückgesprungen war.

Die Nerze hatten sich wohl durch einen Betreuer angesteckt. Sie wurden auf engstem Raum gehalten. Auch in der Schweiz gibt es grosse Nutztierställe; Hauptsächlich Schweine und Hühner werden hierzulande auf kleinem Platz gehalten. Trotzdem sehen die Behörden keinen Anlass, Nutztiere auf das Coronavirus zu testen. Es gebe keine Hinweise, dass diese sich infizieren könnten, schreibt das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen.

Die Genfer Virologin Isabelle Eckerle bestätigt, dass die Empfänglichkeit von Nutztieren zu Beginn der Pandemie ausführlich untersucht worden sei. Doch aus Sicht der Virologin könnte Omikron die Lage verändert haben: «Die Variante unterscheidet sich sehr von den früher zirkulierenden Viren», sagt Eckerle. Ihrer Ansicht nach wäre es «durchaus sinnvoll», die Empfänglichkeit für die Omikron-Variante neu zu prüfen.

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