Im Wald findet jetzt das grosse „Fegen“ statt. Die Rehböcke treibt nicht etwa der Frühjahrsputz an, sondern die bevorstehenden Revierkämpfe. „Die Tiere reiben derzeit die Basthaut von ihren kleinen Geweihen, unter der im Laufe der vergangenen fünf Monate ein neuer Kopfschmuck gewachsen ist„, erklärt Dr. Andreas Kinser von der Deutschen Wildtier Stiftung. Dieser Vorgang, der sich Jahr für Jahr wiederholt, wird auch „Fegen“ genannt.

Das Reh ist die in Europa häufigste und kleinste Art der Hirsche. Als sogenannter „Trughirsch“ ist es näher mit dem Elch verwandt als mit dem bei uns heimischen Rot- oder Damhirsch. Ursprünglich besiedelten Rehe die Randzonen von Wäldern und Gebüschen, heute kommt es aber in allen Wäldern und sogar in der offenen, fast deckungslosen Feldflur vor.

Ebenso wie bei Rotwild tragen bei den Rehen nur die Böcke, also die männlichen Tiere, ein Geweih. Im Regelfall ist jede Stange eines normal entwickelten, älteren Rehbockes etwa 15 bis 20 Zentimeter hoch und weist drei Enden auf. Die wichtigste Funktion dieses Geweihes ist der Kampf mit Artgenossen. Über Duftdrüsen an der Stangenbasis markiert der Rehbock ausserdem sein Revier.

Bei Rehböcken, die mindestens das erste Lebensjahr abgeschlossen haben, fällt das Geweih jährlich in der Zeit von Oktober bis November ab und beginnt unter einer nährenden Basthaut sofort neu zu wachsen. Das Wachstum endet im Frühjahr, wenn die Basthaut abstirbt und vom Bock durch Fegen an Büschen und jungen Bäumen abgestreift wird.

Für Waldspaziergänger mag es ein seltsamer Anblick sein, wenn sie jetzt samtartige Fetzen an kleinen Bäumchen und Sträuchern hängen sehen. Die abgestorbene Basthaut wird besonders gerne an den harzigen Stämmchen von Douglasien oder Kiefern abgescheuert. Die Pflanzensäfte färben dann das frisch verfegte Geweih in kürzester Zeit in ein tiefes Dunkelbraun. Der tierische „Frühjahrsputz“ der Böcke dauert noch bis Anfang Mai. „Junge Rehböcke fegen bis zu 600-mal am Tag, ältere seltener“, sagt Kinser.

Rothirsche fegen in der Regel im Juli und August, Rehböcke im April und Mai und Dam- und Sikahirsche je nach Alter im August und September.

Die Fege-Aktion hat obendrein eine sexuelle Komponente. „Mit dem Abstreifen der Basthaut hinterlassen die Rehböcke nämlich auch Duftmarken„, erläutert Kinser, „damit werden bereits jetzt die Reviere für die Brunft im Sommer abgesteckt.“ Am Kopf der Rehböcke befinden sich gleich mehrere Duftdrüsen: In der Stirnlocke zwischen den Geweihstangen, an den Wangen und am Hals wird das Duftsekret produziert. Rehe orientieren sich an diesen Gerüchen und kommunizieren über solche „Duft-Informationen“.

Rehe sind sehr standorttreu und halten die Grenzen ihres Aktionsraums, zum Beispiel Feldränder, Wege, Strassen oder Hecken genau ein. Zur Reviermarkierung dienen ihnen Drüsen oberhalb der Hufe und den Rehböcken zusätzlich die Duftdrüsen auf der Stirn. Rehböcke besetzen ihre Territorien häufig über mehrere, aufeinanderfolgende Jahre. Die Ricken leben vor allem während der ersten Wochen nach der Geburt des Kitzes einzelgängerisch in einem kleinen Aktionsraum, den sie gegen andere Ricken verteidigen. Zu Beginn des Herbstes schliesst sich Rehwild zu kleinen Verbänden, den Sprüngen, zusammen. Vor allem in der offenen Feldflur können diese Verbände aus Dutzenden Individuen bestehen.

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