Immer weniger Gemsen in der Schweiz

Die Gämspopulation in der Schweiz nimmt seit Jahren kontinuierlich ab.

Nun handeln die Behörden. Bund, Kantone und Jäger wollen die Abschüsse auf die Gams vermehrt kontrollieren. Bis zu einer Erholung des Bestandes dürfte es aber lange dauern.

In gewissen Regionen der Schweiz leben so wenige Gämsen wie noch nie seit der Jahrtausendwende. Die Zahlen aus der Eidgenössischen Jagdstatistik zeigen: Im Jahr 2005 tummelten sich noch mehr als 97’000 Tiere im Alpenbogen. Zehn Jahre später schätzt der Bund die Population noch auf rund 91’000 Exemplare.

Die Abschusszahlen in der gleichen Erhebung bestätigen die Entwicklung. Die gesamtschweizerische Gamsjagdstrecke ist seit 1994 von knapp 20’000 Stück auf 11’650 Stück im Jahr 2015 zusammengebrochen. Im gleichen Zeitraum hat sich die Abschusszahl beim Rothirsch mehr als verdoppelt. Dieser Trend betrifft nicht nur die Schweiz, sondern ist auch in anderen Alpenländern zu beobachten.

Zahlreichen Risiken ausgesetzt

Die Gründe für den Rückgang der Gämspopulation sind vielfältig. Reinhard Schnidrig, Sektionschef Wildtiere und Waldbiodiversität beim Bundesamt für Umwelt (BAFU), spricht auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda von einem «Ursachenmix».

Gämsen seien etwa durch die Zunahme von Freizeitaktivitäten und den sich intensivierenden Tourismus in ihrem Lebensraum eingeschränkt. Insbesondere im Winter fehle es ihnen an Ruhe in den Einständen. Viele Jungtiere überlebten im hochalpinen Winter nicht, weil sie zu wenig Futter fänden.

Ausserdem habe auch die Konkurrenz mit Rothirsch und Steinwild sowie die Rückkehr der Grossraubtiere Auswirkungen. «Luchse stellen vor allem den Wald-Gämsen nach.» Nicht zuletzt könnten Seuchen wie Gämsblindheit, Räude und andere parasitäre und infektiöse Erkrankungen für hohe Todesraten mitverantwortlich sein.

Fehler bei der Jagdplanung

Ein Grund liegt aber zumindest gebietsweise auf der Hand: Die Jäger, die ihr Handeln gerne mit Notwendigkeit und Naturschutz vereinbaren, könnten schuld sein und die völlig falsche Jagdplanung in einigen Kantonen. Ursache hierfür sei eine unzureichende Berücksichtigung von strengen Wintern bei der Ausgestaltung und Bemessung der Abschussvorgaben und -quoten. In den vergangenen Jahren wurden zum Schutz der Wälder mehr Gämsen zum Abschuss freigegeben. Der Jagddruck habe sich erhöht, erklärt Schnidrig. Er nennt etwa seine Heimat, das Oberwallis: «Im Goms zahlt man heute wohl den Preis für eine zu intensive Jagd.»

Bei der Frage, wie weit der Rückgang mit vermehrt vorkommenden Wölfen und Luchsen in den Schweizer Alpen zusammenhängt, gehen die Meinungen auseinander. Vor allem Kantone wie Jura und Freiburg würden sich über den Luchs beklagen. Doch der Gamsbestand sei dort zu unbedeutend, um den Rückgang in der schweizweiten Statistik zu erklären.

Der Wolf jagt bevorzugt den Hirsch. Das zeigt sich im Bünder Calanda-Massiv. Dort hat sich der Hirschbestand auf ein natürliches Niveau eingependelt.

Jäger sensibilisieren

Die Jäger sind bereit, einen Teil der Verantwortung zu tragen und die Herausforderungen anzunehmen. Sie haben sich in einem Positionspapier von vergangenem Dezember verpflichtet, die Jagd auf die Gämsen «nachhaltiger» und «verantwortungsvoller» zu gestalten, um den Rückgang der Gämsbestände zu stoppen.

Das gemeinsame Dokument von JagdSchweiz und der heutigen Konferenz für Wald, Wildtiere und Landschaft (KWL) ist das Ergebnis einer Tagung im Jahr 2015, bei welcher die kantonalen Jagdverwaltungen, die Jägerinnen und Jäger sowie Politiker über Lösungen für die rückläufige Gämspopulation diskutiert haben.

Ihr Fazit: Eine fundierte Jagdplanung mit jährlich flexiblen Abschusszahlen sowie eine Sensibilisierung der Jägerschaft ist vonnöten. JagdSchweiz und die kantonalen Jagdverwaltungen intensivieren zu diesem Zweck die Öffentlichkeitsarbeit.

Wild soll besser ruhen können

«Wir müssen nun Aufklärungsarbeit verrichten», sagt David Clavadetscher, Geschäftsführer von JagdSchweiz, auf Anfrage. Die Risikofaktoren für die Gämsen hätten sich in den vergangenen Jahren akzentuiert.

Handeln müssen auch alle Kantone. Sie sollen künftig regelmässig Daten zum Bestand, zur Zuwachsrate und zur Zusammensetzung erheben. Solche Daten sind heute nicht überall vorhanden.

Des Weiteren sollen die Auswirkungen der Klimaerwärmung und von Erkrankungen auf die Gämspopulation vertieft analysiert werden. Auch Tourismusverantwortliche müssen ihre Verantwortung wahrnehmen: Wildruhezonen und Sömmerungsregionen seien konsequenter zu respektieren.

Keine rasche Erholung in Sicht

Trotz des formulierten Kodex und der angestrebten Massnahmen dürfte es lange dauern, bis die Gämsbestände in der Schweiz wieder gesund sind. «Geduld und langer Atem sind gefragt», heisst es im Positionspapier.

Gämskühe gebären erst im Alter von drei oder vier Jahren jeweils nur ein, selten zwei oder drei Junge. Durch die geringe Reproduktionsrate und der relativ späten Geschlechtsreife der Tiere erholen sich die Bestände nur langsam.

Schnidrig prognostiziert: «Es wird eine Gämsgeneration dauern, bis die Bestände wieder grossflächig anwachsen.» Böcke erreichen ein Alter von 15 Jahren, die Weibchen werden bis zu zwanzig Jahre alt.

Written by Wild beim Wild

Jagdgegner wird man nicht aus Langeweile, sondern aus Kenntnis dieser Tierquälerei.

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