Abschussrampen in der Tradition

Es gibt wohl nebst der Jagd kein Handwerk, dass sich auf Tradition beruft und bei dem gleichzeitig der Schwanz so ausgiebig mit dem Hund wedelt.

Fährt man in der laublosen Zeit mit dem Zug von Basel nach Hamburg, sieht man alle paar Augenblicke, sowohl auf der Hinfahrt als auch bei der Rückfahrt auf der anderen Seite, unzählige Hochsitze der Lusttöter. Eine sogenannte Möblierung der Landschaft durch Hochsitze und Kanzeln. Unweigerlich wird man an die schrecklichen Bilder der Konzentrationslager der Nazis erinnert oder Schiesstürme an Grenzen und bei den Gefängnissen. Wildtiere sieht man als Reisender durch die Wälder in der Kulturlandschaft eher keine, aber die optische Verschandlung der Natur durch die Jäger ist frappant.

Die Praxis der Rumlümmelei über dem Boden bei der Ansitzjagd ist keine epochale Jagdtradition. Sie hat wohl ihren Durchbruch der Behinderung des linken Armes von Kaiser Wilhelm II im 19. Jahrhundert zu verdanken, der seine Flinte beim Schiessen aufstützen musste. Im Schweizer Kanton Obwalden und Naturvölker mit richtigen Jägern, werden Hochsitze, damals als Abschussrampe bezeichnet, heute noch als verbotene Hilfsmittel bzw. nicht waidmännisch betrachtet. Das Wort und Begriff Jagen sind auch bei der Ansitzjagd fehl am Platze. Snipertum, wie in terroristischen Verbänden üblich, ist treffender. Nicht selten werden die Hochsitze von den Jägern illegal errichtet, ganz ohne Bewilligung.

Unter dem letzten Deutschen Kaiser Wilhelm II (1859-1941) aus dem Haus Hohenzollern entstanden viele heute noch bestehende vermeintliche Traditionen der heutigen Ökoterroristen. Kaiser Wilhelm II soll pro Tag 7 Stück oder total 75’000 Wildtiere mit seinem seit seiner Geburt behinderten Arm geschossen haben. Das sind keine Zahlen aus der Krankenakte eines psychisch und physisch angeschlagenen Patienten, sondern war mehr oder weniger gängige Praxis beim Adel vor dem 1. Weltkrieg. Nicht minder waidgerecht agierte beispielsweise auch der österreichische Erzherzog Franz Ferdinand, der im Laufe seines Daseins als Habsburger 275’000 Wildtiere zur Strecke gebracht haben soll. Darunter angeblich ein Jahr vor dem Attentat 1914 in Sarajewo (das Attentat von Sarajevo, bei dem er und seine Frau ums Leben kamen, gilt als Auslöser des Ersten Weltkriegs) eine weisse Gams – etwas, was nach Jägerglauben Unglück bringt.

Nachdem der Adel ihn ob seinen jagdlichen Exzesse getadelt hatte, ordnete Wilhelm II die Hirsche erstmal in eine Hierarchie der Geweihstärke ein, um qualitativ anstatt quantitativ zu jagen. 1880 fanden in Graz weltweit die erste Geweihkonkurrenzausstellungen statt. Das Heranzüchten und die Produktion stattlicher Geweihe zur Trophäenschau begann. Diese Hierarchien sind biologisch nicht notwendig, sondern aus Prestigegründen entstanden. Das Streben nach Trophäen und Schmücken von Wänden mit Totenköpfen ist auch keine urmenschliche Kultur, sondern entstammt feudalen Höfen mit schweren Erbkrankheiten. Später wurde Wilhelm II auch noch wegen Kriegsverbrechen angeklagt und floh nach Holland ins Exil, wo er Gefallen am Bäume fällen fand.

Weitere jagdliche Bräuche und Gedankengut gehen auf Wilhelm II zurück: er begann den Bruch (Zweig) für den Schützen durch die Schusswunde des wildes zu ziehen und dem Schützen zu überreichen. Gleichzeitig kam auch der merkwürdige Begriff der Waidgerechtigkeit auf, der bis heute nicht mit konkretem Inhalt belegt wurde.

hochstand

Jagdtradition ist: Es ist so, wie es eigentlich nicht sein sollte

Später entstanden unter den nationalsozialistischen Vorstellungen von Genetik die gezielten Abschüsse, die zu einer Verbesserung der Bestände mittels Zuchtwahl führen sollten und heute gängige Praxis bei den Jägern ist. Jäger manipulieren und selektionieren die natürliche Evolution und Genetik der Wildtiere wie in einem grossen Tierversuchslabor. Wildtiere werden unter dem Joch der Jäger zu Nutztiere und Haustiere gezüchtet.

Weshalb sind Sklaverei, Hexenverfolgung, Kannibalismus oder Apartheid nicht mehr Tradition – Mord, Totschlag, Gewalt und Tierquälerei an wehrlosen Wesen bei der Jagd soll aber Tradition sein?

Das Verharren in mörderischen Traditionen bedeutet moralischen Entwicklungsstillstand und fördert zugleich die Bildung von Subkulturen und  Gemeinschaften, die nur zur gegenseitigen Nutzenmaximierung gebildet werden.

Wir kennen verschiedenste Ausprägungen des Kulturbegriffes. Kultur im Allgemeinen bezeichnet all das, was vom Menschen selbst hervorgebracht wird sowie geistige Konstrukte, wie Recht, Moral, Religion, Ethik etc. Der Begriff Kultur beinhaltet darüber hinaus nicht nur deskriptive, also beschreibende Komponenten, sondern auch normative Bestandteile. Normative Bestandteile umfassen Hinweise, wie oder was etwas sein soll, Zielvorstellungen einer wünschenswerten Situation, Zielvorstellungen eines erstrebenswerten Zustandes, also beispielsweise Gewaltfreiheit. Gewalt als erstrebenswerter Zustand würde demnach als Kultur der Gewalt zu bezeichnen sein, im allgemeinen Sprachverständnis eine ins Negative gerichtete Umkehrung des Begriffs bedeuten, also eine Unkultur, eine Nicht-Kultur beschreiben…

Jagdkultur bedeutet letztendlich die Exkommunikation aus dem Kreis jeglicher ethischen Kultur und kann allenfalls als Synonym und zur Verdeutlichung einer verabscheuungswürdigen Sub-Kultur herangezogen werden. – Dr. Gunter Bleibohm

Written by Wild beim Wild

Jagdgegner wird man nicht aus Langeweile, sondern aus Kenntnis dieser Tierquälerei.

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