Wilder Westen in der Ostschweiz

Im Thurgau gebe es derart viele Wildschweine, dass der Kanton nun die Jagd «ohne Limite» auf die putzigen Tiere freigegeben hat.

Tatsächlich zeigt die eidgenössische Statistik, dass in der Jagdsaison 2014 619 Wildschweine im Kanton Thurgau abgeschossen worden sind – knapp 40 % mehr als im Vorjahr (383). Jedenfalls sei der Kanton zu einem richtigen Tummelplatz geworden, wie das «Regionaljournal Ostschweiz» von Radio SRF berichtete.

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Die Grafik ist ein klarer Hinweis auf die Vermehrung der Tiere. Daran sind die warmen Winter schuld – es geht den Wildschweinen zu gut, behauptet Roman Kistler, Amtsleiter der Jagd- und Fischereiverwaltung des Kantons Thurgau.

Seit 1930 wird im Thurgau die Revierjagd ausgeübt. 89 Jagdreviere, davon zwei ausschliesslich Wasserjagdreviere sind verpachtet. Das jährliche Blutgeld von ca. Fr. 608’000.– fällt zu zwei Dritteln an die Gemeinden und zu einem Drittel an den Kanton. Schäden an den landwirtschaftlichen Kulturen durch Wildschweine wurden 2014 mit 448’700 Franken beziffert. Im Nachbarkanton St. Gallen gab es im gleichen Jahr eine Schadensumme von nur 7’761 Franken, obwohl er doppelt so gross ist. Bauern werden vom ­Kanton (85%) und Pächter (15%) entschädigt.

Jagd kann auch Wildschweine nicht regulieren

Insgesamt haben alle Bemühungen inkl. illegaler Hochsitze, Nachtsichtgeräte, jagen in der Dunkelheit usw. seitens der Jäger in den vergangenen Jahre keinen Erfolg gebracht. Die Wildschweine vermehren sich gerade wegen der Jagd unaufhaltsam weiter. Nachtzielgeräte sind in der Schweiz verboten. Nur im Thurgau, Genf und Baselland dürfen Jäger mit solchen Geräten oder Lampen auf den Gewehren Wildschweine nachts beschiessen. Nachtzielgeräte wurden für den Krieg entwickelt. Jäger lauern auch im Kanton Thurgau oft jenseits der Legalität. Der Schrotschuss auf Wildschweine ist äusserst fragwürdig und eher tierquälerisch, insbesondere wenn die Tiere angeschossen und nicht gefunden werden. Zudem verseucht die Munition die Umwelt.

Jägerlatein lehrt: Wildschweine müssen massiv bejagt werden. Ohne Jagd würde es zu einer »Wildschweinschwemme«, gar zu einer »Wildschwein-Plage« kommen. Die Realität zeigt: Je mehr Wildschweine geschossen werden, desto stärker vermehren sie sich. Wildschweine wie auch Füchse können durch intensive Bejagung kaum reguliert werden.

In Tat und Wahrheit züchten Jäger die »Wildschweinschwemme«, »Plage« und »Seuchen« vorsätzlich seit Jahren herbei. Wurden 1933 schweizweit ganze 33 Keiler geschossen, waren es im Jagdjahr 2011/12 unglaubliche 9941 Keiler, Bachen und Jungtiere! Das kann und darf seitens der Jäger nicht länger nur mit warmen Winter, Futterangebot usw. erklärt oder entschuldigt werden! Anhaltende Zunahme der Wildschweinbestände und -schäden trotz intensivster Bejagung ist das Programm!

Deutlicher können die Zahlen nicht sein. Jagd reguliert nicht. Das Gegenteil ist der Fall: Jagd führt zur unnatürlichen und unkontrollierten Vermehrung.

Wenn immer mehr Wildtiere geschossen werden, weil es immer mehr gibt, müssen dann noch mehr geschossen werden, damit es weniger werden?

Die Natur hatte eigentlich alles hervorragend geregelt: Erfahrene weibliche Wildschweine – die Leitbachen – sorgen für die Ordnung in der Rotte und für Geburtenkontrolle. Durch die Abgabe von Pheromonen (Botenstoffen zur Informationsübertragung) bestimmen sie die Empfängnisbereitschaft aller weiblichen Wildschweine der Rotte: Nur die Leitbache selbst und einige weitere erwachsene Bachen werden »rauschig«. Auf diese Weise wird verhindert, dass zu junge Tiere befruchtet werden. Die Leitbache bestimmt auch den Zeitpunkt der Rausche einmal im Jahr. Fehlen die Leitbachen, weil sie bei der Jagd getötet wurden, löst sich die Ordnung auf. Die Sozialstruktur ist zerstört und die Wildschweine vermehren sich unkontrolliert: Selbst Jährlingsbachen und Frischlinge unter einem Jahr bekommen Kinder. Während früher einmal im Jahr Rauschzeit war, werden Wildschweine heute mehrmals im Jahr rauschig und bekommen somit mehrmals im Jahr Nachwuchs. Wenn Muttersauen (Bache) von ihren Jungtieren weggeschossen werden, ist die Rotte führungslos und versprengt. Dadurch kann es durch herumirrende Wildschweine noch grössere Schäden geben als bis anhin.

Jäger die sporadisch auf einem Hochsitz rumlümmeln, sind insbesondere nachts gar nicht in der Lage, eine Leitbache zu identifizieren. Das spielt hier auch keine Rolle, denn die Jagd «ohne Limite» im Kanton Thurgau hat nichts mit wildbiologischen Erkenntnissen zu tun.

Beim Wildschwein ist durch eine französische Langzeitstudie unlängst bewiesen worden, dass die Jagd die Vermehrungsrate deutlich erhöht. Die Wissenschaftler um Sabrina Servanty verglichen in einem Zeitraum von 22 Jahren die Vermehrung von Wildschweinen in einem Waldgebiet im Departement Haute Marne, in dem sehr intensiv gejagt wird, mit einem wenig bejagten Gebiet in den Pyrenäen. Das Ergebnis wurde auch im renommierten „Journal of Animal Ecology“ veröffentlicht: Wenn hoher Jagddruck herrscht, ist die Fruchtbarkeit bei Wildschweinen wesentlich höher als in Gebieten, in denen kaum gejagt wird. Weiterhin tritt bei intensiver Bejagung die Geschlechtsreife deutlich früher – vor Ende des ersten Lebensjahres – ein, so dass bereits Frischlingsbachen trächtig werden. Auch das Durchschnittsgewicht der erstmalig fruchtbaren Wildschweine ist bei hohem Jagddruck geringer. In Gebieten, in denen wenig Jäger unterwegs sind, ist die Vermehrung der Wildschweine deutlich geringer, die Geschlechtsreife bei den Bachen tritt später und erst bei einem höheren Durchschnittsgewicht ein. (vgl. Servanty et alii, Journal of Animal Ecology, 2009). In nicht oder wenig bejagten Gebieten gibt es viel weniger Wildtiere als in bejagten. Unnatürlich zu grosse oder kleine Wildtierpopulationen sind durch falsche Jagdplanung und Jägereien hausgemacht und herangezüchtet.

Die Natur braucht keine Jäger aber Wildhüter. Die Jäger geben inzwischen selbst zu, dass sie Tierbestände nicht wirklich regulieren können und »Hege«, »Naturschutz« und »Wildschadensvermeidung« nur als Begründungen für ein blutiges Hobby vorgeschoben sind.

Kaum eine andere Tierart vertilgt solche Mengen an Insektenlarven (zum Beispiel Engerlinge) wie das Wildschwein. Würden die Maikäferlarven nicht durch Wildschweine und andere Tierarten massiv reduziert, dürften die Maikäferschäden an land- und forstwirtschaftlichen Kulturen gerade nach Flugjahren deutlich höher ausfallen. Ebenso tragen Wildschweine, zusammen mit Füchsen und Greifvögeln, dazu bei, dass die Mäusepopulationen und damit die Schäden in der Graswirtschaft und im Obstbau reduziert werden. Und im Wald führt das Wühlen zur Bodenlockerung bzw. Verrottungsprozess und damit zur Förderung des Anwachsens von Keimlingen, was aus der Sicht der Forstwirtschaft hoch willkommen ist. Schonzeit geniessen sie in Thurgau’s Wälder auf dem Papier vom 1.3. – 30.6. Frischlinge und Überläufer sind ausserhalb des Waldes ganzjährig jagdbar.

Jagd reguliert nicht im Sinne natürlicher Häufigkeit von Wildtierpopulationen, sondern schafft überhöhte oder unterdrückte Bestände. Die unnatürlichen Probleme und Überbestände sind insbesondere durch die Jäger hausgemacht, damit die Jäger sich so selber einen angeblich gesetzlichen Auftrag zuschieben können. Die Jagd hat schon lange nichts mehr mit ehrbarem Wildtiermanagement zu tun, sondern ist jenseits jeder Ethik zu einem immer brutaleren Abschlachten von Wildtiere verkommen. Das Organisieren attraktiver Jagden für Ökoterroristen ist Programm. Man nennt es in den einschlägigen Kreisen trügerisch “an den Lebensraum angepasste Wildtierbestände”, “Feinregulierung”, “Zwei-Stufen-System”, “dynamische Bewirtschaftung”, “Nutzen”, “Ernten”, “Abschöpfen” oder derartige sektenartige Propaganda.

Jeder Jagdausflug eines jeden Jägers ist eine massive Störung für die gesamte Tierpopulation und Bevölkerung. Mehr Jagd bedeuted nicht weniger Wild, sondern mehr Geburten.

Tierquälerei via sinnlosen jagdlichen Massaker kann kein gesetzlicher Auftrag sein. Steuerzahler finanzieren das schäbige Hobby der Jäger auch noch. Da kann man die Jagd gleich abschaffen. In Genf kostet das seriöse Wildtiermanagement den Steuerzahler nicht mal eine Tasse Kaffee pro Jahr. Die Genfer setzen damit auch das Tierschutzgesetz um, denn niemand darf ungerechtfertigt einem Tier Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen oder es in Angst versetzen. Was in Genf früher Hunderte Jäger schlecht gemacht haben, erledigen heute 11 Wildhüter, nebst vielen anderen Aufgaben, besser.

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Geschrieben von Wild beim Wild

Jagdgegner wird man nicht aus Langeweile, sondern aus Kenntnis dieser Tierquälerei.

2 Kommentare

  1. sie gehören auch zu denen, die zwar lesen aber nicht verstehen können? richtig wäre, es gibt keine studie, die das gegenteil beweist. zudem kennt man das phänomen längst auch bei mäusen, hamstern und anderen wirbeltieren. selbstverständlich spielt das futterangebot, klima usw. auch ein rolle.

  2. Der Text entspricht nicht dem Stand der heutigen wissenschaftlichen Lehrmeinung. Viele halbwahrweiten und einiges nicht verstanden. Eine Frischlingsbache wird Geschlechtsreif wenn sie 25kg wiegt. Es gibt keine Studie die beweißen würde das die Leitbache die rauschigkeit bei anderen weiblichen Stücken in der Rotte unterdrücken könnte. Eine synchronisation der Rauschigkeit findet wohl statt, wenn alle zusammen gebähren gibt das einen Vorteil für die Rotte. Probleme sind die milden Winter und das steigende Futterangebot. Überall in Mitteleuropa ist es gleich. Bei einer Reproduktionsrate von 300% reichen alleine die beiden Faktoren schon für ein starken Anstieg der Population aus. Mir schleierhaft warum man sich nicht mal mit Professoren aus der Fachwelt unterhält anstatt hier eine Märchenwelt aus dem Interner zusammen zukopieren.

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